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Sonntag, den 30. Oktober 2011 um 19:10 Uhr

System und Subsystem: Kommt nach zentral nun dezentral? #Banking #Bank

Geschrieben von  connormarc

Einiges wurde in den letzten Tagen über das Verhältnis der Gruppe der Volks- und Raiffeisenbanken zur sog. „Occupy-Bewegung“ gesagt und niedergeschrieben. Im Fokus dabei u.a. die von der Bankengruppe bewusst gesuchte Nähe zu einer plakativen Kernaussage von Demonstranten, die da lautet:  „Wir wollen direkte Demokratie vor Ort statt Zentralismus aus Berlin oder Brüssel“. Ich frage mich bei dieser Gelegenheit: Welche Rolle spielt denn ganz allgemein „Zentralismus“ bei einer Bankengruppe, deren IT zentral gesteuert wird?

 

 

 

Jeder, der seine Bank schon einmal gefragt hat, ob bzw. unter welchen Bedingungen denn ein konstruktiver Eingriff in die zentralen Verteilungsstrukturen möglich sei, weiß genau was ich damit meine.

 

Man sollte jetzt das neuerdings verstärkte Liebäugeln der Bankengruppe mit dezentralen Strukturen nicht unterbewerten. Im Gegenteil. Man kann sie, meiner Meinung nach, gar nicht hoch genug bewerten. In Zeiten, in denen laut über weitere Fusionen von Rechenzentralen (hin zu einer superzentralen Rechenzentrale?) nachgedacht wird, stellt solch eine gesuchte Nähe weit mehr als nur ein schwaches, anti-zentralistisches Signal dar.

 

Kommt nun nach Jahren des bankwirtschaftlichen IT-Zentralismus also doch noch der IT-Dezentralismus?

 

Wird Bank-IT zunehmend und "von außen" gestaltbar?

 

Es wäre an der Zeit aber wahrscheinlich eher nicht. Denn ganz ähnlich wie die neuerdings von den Volks- und Raiffeisenbanken lancierte Unterteilung in „gute“ und „böse“ Banken stützt sich die Bankengruppe mittels Occupy auf einen bequem angreifbaren, politischen Zentralismus während eine bestehende, zentralisierte Bank-IT wohl den „guten“, weil für die Bank auch kostensparenden Faktor darstellt und damit von der Bankengruppe einen nahezu anonymen, unantastbaren Status erhält.

 

Da haben wir ihn nun aus Bankensicht: Den „guten“ und den „bösen“ Zentralismus. Das die Volks- und Raiffeisenbanken auf der „guten“ Seite stehen (möchten) verwundert eher wenig. Aber wie „gut“ ist er denn nun, der standardisierte IT-Zentralismus der Banken?

 

Er ist natürlich so wenig gut oder böse wie die Volks- und Raiffeisenbanken selbst, aber, nach Joseph Weizenbaum, flächendeckend mängelbehaftet und irreversibel unübersichtlich aufgebaut. Vielleicht weniger plakativ als Occupy-Irgendwas, dafür umso eindrücklicher beschrieb Weizenbaum bereits vor Jahrzehnten die Informationssysteme von Banken, an deren Entstehung er selbst nicht ganz unbeteiligt war:

 

"Die inzwischen riesigen, polypenhaft verzweigten Informationssysteme der [...] Banken oder Versicherungen vergleicht Weizenbaum mit den "favelas" von Rio de Janeiro, jenen chaotisch wuchernden, immer wieder neu zusammengeflickten Hüttensiedlungen, in denen sich nicht einmal die Eingeborenen richtig auskennen.

 

Es sei schlechthin unmöglich, meint Weizenbaum, die ähnlich komplexen, gleichfalls ständig durch Flickwerk veränderten Computersysteme quasi abzureißen und übersichtlich wieder aufzubauen: Sie können nur stillgelegt werden - oder sie müssen mit ihren unausrottbaren Mängeln weiterexistieren, bis sie eines Tages zusammenbrechen."

 

Man hört sie fast schon argumentieren, die Vertreter der „guten“, weil regionalen Banken. Solch eine "unübersichtliche" IT haben doch nur die Großen, die Bösen, die Globalen, die Systemrelevanten, eben die Anderen. Man müsse differenzieren, differenzieren und nochmals differenzieren. Aber tut es wirklich Not, in Sachen Banken-IT bis ins Letzte zu differenzieren? Standardisierung bestimmt das Geschäft seit Jahren und hat doch dahin geführt, dass diese starren, komplexen Gebilde nur schwer oder von außen nahezu nicht wahrnehmbar geschweige denn veränderbar sind.

 

Oder würde jemand ernsthaft behaupten wollen, dass eine Rechenzentrale der Deutschen Bank grundlegend „böser“ rechnet als die der Volksbanken?

 

Ich bin der Meinung, wenn sich die Volks- und Raiffeisenbanken tatsächlich einer anti-zentralistischen Ausdrucksform, und sei es auch "nur" aus Marketingzwecken anschließen, dann nicht ohne den Blick auf ihre eigenen IT-Dienstleister zu richten die auf dem Weg sind, gerade eben eine super-zentralistische Struktur für die Zukunft festzuschreiben.

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