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Samstag, den 25. Februar 2012 um 17:28 Uhr

Über Immunisierungsstrategien von Banken

Geschrieben von  connormarc

Nehmen wir eine regionale Bank: Ein Logo, ein Gebäude, Mitarbeiter. Es können Termine vereinbart, Fragen gestellt und Antworten entgegengenommen werden. Wenn es die Zeit und das Verhältnis zum persönlichen Berater erlaubt, dann kommen vielleicht sogar einmal „tiefere“, grundsätzlichere Gespräche über das Bankwesen zu Stande. Man kann aber behaupten, auf einer lokalen oder regionalen Ebene lassen sich, wenn überhaupt, Immunisierungsstrategien von Banken nur schwer identifizieren. Vorhanden sind sie aber dennoch und der Rest ist dann Philosophie.

 

 

 

Ich meine, auch im Bankwesen ist eine allgegenwärtige Immunisierung gegen Kritik zu erkennen und man darf frei spekulieren, welche Vorgehensweisen eine Immunisierung begünstigen.

 

Zum Beispiel könnte man sagen, dass schon alleine die reine Größe und Komplexität des Bankwesens gegen Kritik immunisiert. Wer sich vor Augen hält, dass regionale Banken in Landes- und Bundesverbänden organisiert und auf diesem Wege mit ihren jeweiligen IT-Dienstleistern verbunden sind, kann dies vielleicht nachvollziehen.

 

Man kann auch annehmen, dass die im Bankwesen angewandte Sprache immunisierend wirkt. Wenn kritischen Einwänden in einer, für den kritisierenden Menschen nur schwer oder gar nicht nachvollziehbaren Fachsprache begegnet wird, kann Kritik schon im Ansatz unterdrückt werden.

 

Man kann auch überlegen, ob die laufende Darstellung hoher und höherer Geldbeträge mit der Zeit eine Immunisierung begünstigt. Wer möchte noch, irritiert und verwirrt von Milliarden, fundiert Stellung beziehen, abgesehen von den Experten.

 

Ich behaupte, in Zeiten von elektronischen Mikrospenden-Systemen werden mögliche Immunisierungsstrategien im Bankwesen auf eine Probe gestellt. Dies liegt daran, dass, wenn eine Spitze des Komplexitätsgrades erreicht ist, die Fragen wieder einfacher werden und wenn eine kritische Größe erreicht wurde, vielleicht das Bedürfnis nach Überschaubarkeit wächst.

 

Einfache Fragen und der Wunsch nach Überschaubarkeit treffen demzufolge auf ausdifferenzierte Finanz-Verwaltungsapparate und hochtechnisierte Großrechner. Und an dieser Stelle darf und sollte offen über Immunisierungsstrategien von Banken gesprochen werden.

 

Ein kurzes Beispiel:


Ich frage den Vertreter einer regionalen Bank nach dem möglichen Einsatz von automatisierten, elektronischen Spendensammel-Systemen bei Banken. Ziel ist es, in Zeiten in denen Geldbeträge zunehmend als Daten transferiert werden, das regionale Spendenwesen mit Hilfe vorhandener Großrechner-Hochtechnologie zu stützen und vor Ort weiter auszubauen.

 

Damit stelle ich kritisch eine technik-analytische Frage, die auch den systemischen Aufbau und die Funktionslogik von hochmodernen Bank-Rechenzentralen berührt.

 

Die folgende Antwort des Bankvertreters zeigt eine mögliche Strategie der Immunisierung gegen Kritik auf, indem seinerseits die inhaltliche Ebene gewechselt wird und die gestellte, technik-analytische Frage so beantwortet wird:

 

„Die Idee hinter Mikrospenden finden wir auch gut... aber ich habe gerade mal mit einigen Kollegen gesprochen. Der erste Tenor war, dass die meisten Menschen ihre Finanzen unter Kontrolle behalten wollen. Die Thesen die in dem Beitrag aufgestellt werden (Dynamik, Unberechenbarkeit) laufen unserer Meinung nach dem gewöhnlichen Wunsch nach finanzieller Planbarkeit entgegen.“


Es zeigt sich, dass eine Frage, die die Technologie im Bankwesen berührt mit einer Antwort kritisiert wird, die darauf aufbaut, wie die „meisten Menschen“ und damit die Bankkunden SIND und was sie MÖCHTEN. Eine technisch-analytische Frage trifft damit auf eine Antwort aus dem Umfeld der Ethik. Schon hier, auf regionaler Ebene, kann so das Gespräch zwischen Kunde und Bankvertreter beendet werden. Die Immunisierung hat bereits an dieser Stelle Wirkung gezeigt.

 

Geht man einen Schritt weiter und stellt dieselbe technik-analytische Frage nach elektronischen Sammelsystemen ggü. einer übergeordneten Institution wie einem Landesverband der Banken, lässt sich die Immunisierung noch deutlicher darstellen.

 

In dem offiziellen Absageschreiben eines Landvesverbandes heißt es, das Thema Mikrospenden werde „grundsätzlich kritisch“ gesehen und dieses damit „nicht weiterverfolgt“.

 

Die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema ist damit seitens des Verbandes abrupt beendet worden und die Frage nach dem „Warum?“ soll erst gar nicht gestellt werden. Dabei wäre die Frage nach dem "Warum?", zumindest aus philosophischer Perspektive, durchaus angebracht, wie Hans Albert einmal bemerkte:

 

"Es gibt weder eine Problemlösung, noch eine für die Lösung bestimmter Probleme zuständige Instanz, die notwendigerweise von vornherein der Kritik entzogen sein müßte. Man darf sogar annehmen, dass Autoritäten, für die eine solche Kritikimmunität beansprucht wird, nicht selten deshalb auf diese Weise ausgezeichnet werden, weil ihre Problemlösungen wenig Aussicht haben würden, einer sonst möglichen Kritik standzuhalten. Je stärker ein solcher Anspruch betont wird, um so eher scheint der Verdacht gerechtfertigt zu sein, dass hinter diesem Anspruch die Angst vor der Aufdeckung von Irrtümern, das heißt also: die Angst vor der Wahrheit, steht."

 

Die gute Nachricht ist:

Banken und deren Vertreter wissen nicht, wie die „meisten Menschen“ SIND. Niemand weiß das. Alles ist veränderbar, nichts ist sicher und die absolute Wahrheit gibt es nicht, zumindest nicht, wenn man den Gedanken von Albert folgt.

 

Die schlechte Nachricht ist:

Banken und deren Vertreter haben sich gegen kritische Fragen bereits auf lokaler Ebene so weit immunisiert, dass lebendige Dialoge und damit der Austausch von Argumenten und Gegenargumenten sowie der jeweiligen Begründungen, zwischen Kunden und Banken bzw. deren Vertreter, weitestgehend unmöglich geworden sind.

 

Diese beiden, aus meiner Sicht bereits auf regionaler Ebene erkennbaren Strategien, liegen Banken als Möglichkeit einer Immunisierung gegen Kritik zu Grunde:

 

- Wechsel der Ebenen, z.B. indem technik-analytische Fragen mit Antworten aus dem Umfeld der Ethik kritisiert werden (Frage: "Ist eine Implementierung von Spenden-Subsystemen realisierbar?" Antwort: "Unsere Kunden möchten das lieber nicht, da Sie andere Präferenzen haben")

 

- Ein sich gerade mal in der Anbahnung befindende, kommunikativer Austausch auf Landesebene (Landesverband der Banken) wird abgebrochen ("Idee der Mikrospenden wird grundsätzlich kritisch gesehen und nicht weiterverfolgt")

 

 

Zum Ende nochmal Albert:

 

„Der Abbruch des Begründungsverfahrens scheint ein festes Fundament des sicheren Wissens zu bieten, solange eine Behauptung nur gut genug gegen kritische Einwände immunisiert werden kann. Dies ist in dem Sinne zu verstehen, dass Aussagen so abgesichert werden, dass diese zu absolut gültigen Behauptungen erhoben werden, an denen kein Zweifel möglich scheint, ja gar nicht erst erlaubt sein soll. Aber letzten Endes muss bei dieser Strategie der Kritikimmunisierung in Kauf genommen werden, dass einem dieses vermeintlich sichere Fundament unter den Füßen weggezogen wird. Denn dieser Abbruch der Begründungskette und die damit beabsichtigte Kritikimmunisierung ist nichts anderes als der Rekurs auf ein Dogma, ein Dogma, das aufgestellt wird, um den Behauptungen das Risiko des Scheiterns an möglichen Einwänden zu nehmen. Dadurch bleibt der Akt der Willkür aber erhalten: Die Begründungskette wird an dem Punkt unterbrochen, der dem jeweils argumentierenden Menschen als genügend evident bzw. plausibel erscheint.“

 

 

 

Vertiefung:

Verband der Sparkassen

Rechenzentrum der Sparkassen

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