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Freitag, den 27. April 2012 um 14:06 Uhr

Banken und Nachrangigkeit oder: Kleinere Einheiten, größere Einheiten und das subsidiäre Handeln dazwischen

Geschrieben von  connormarc

Das mit Bank und Subsidiarität ist so eine Sache. Was u.a. als wirtschaftliche und gesellschaftliche Maxime in seinen Ursprüngen bis ins Zeitalter der Reformation zurückgeht, wird im Genossenschaftsfilm der Volksbanken und Raiffeisenbanken in ca. 10 Sekunden wie folgt zusammengefasst:„Außerdem sind wir subsidiär. Bei uns erledigt jede der über 1100 Genossenschaftsbanken selbständig, was sie selbständig erledigen kann.“ Diese Kernaussage bringt das Verständnis von Subsidiarität der Bankengruppe auf einen etwas voreilig gesetzten Punkt.

Denn, entgegengesetzt der Einschätzung im Clip, handelt es sich, meinem Verständnis nach, bei Subsidiarität um keinen „Endzustand“ den man einmal erreicht hat, um daraufhin mit dieser „Eigenschaft“ werben zu können und ich frage mich, wie es um subsidiäres Handeln von Genossenschaftsbanken 2012 bestellt ist.

 

Wenn man sich heute so umschaut könnte man den Eindruck gewinnen, dass es um die Möglichkeiten, dem Subsidiaritätsprinzip neues Leben einzuhauchen, gar nicht mal so schlecht bestellt ist.Denn etwas in die Jahre gekommen ist sie schon, die Diskussion um das „richtige“ Maß im Verhältnis von kleinen und großen, von grundständigen und übergeordneten Einheiten.

 

„Wie dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen; zugleich ist es überaus nachteilig und verwirrt die ganze Gesellschaftsordnung. Jedwede Gesellschaftstätigkeit ist ja ihrem Wesen und Begriff nach subsidiär; sie soll die Glieder des Sozialkörpers unterstützen, darf sie aber niemals zerschlagen oder aufsaugen.“

 

Ich möchte behaupten, dass Projekte, die heute unter dem Stichwort „Schwarmfinanzierung“ durch die Initiative Vieler realisiert werden einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel veranschaulichen, der dem Gedanken des subsidiären Handelns entgegenkommt. Wenn eine öffentliche Kulturförderung erst nachrangig eintritt, dann findet eine Verschiebung statt. Eine Verlagerung des Fokus auf den Einzelnen, der, selbstbestimmt durch seine Interessenslagen, zur Realisierung eines Projektes beiträgt und die staatliche Institution damit zwar nicht aus Verantwortung, wohl aber aus der frühzeitigen Eintrittsphase entbindet.

 

Die These:

 

Wer „Schwarmfinanzierung“ als ein weiteres, tragfähiges Finanzierungsinstrument anerkennt folgt gleichzeitig dem Grundprinzip des subsidiären Handelns, nachdem höhere, übergeordnete Einheiten und deren Leistungen erst dann eintreten sollen, wenn die jeweils tiefere Ebene nicht in der Lage ist, die erforderliche (Eigen-)Leistung zu erbringen.

 

Im sozialen Bereich deuten z.B. Initiativen wie „Deutschland rundet auf“ auf Entwicklungen hin, die dem Einzelnen den Rahmen schaffen, selbstbestimmt und eigenverantwortlich zur Finanzierung eines sozialen Projektes beizutragen.

 

Bewegt man sich nun gedanklich durch die Vorstellung von hierarchisch „tieferen“ und „höheren“ Ebenen, so stellt sich auch die Frage nach Verantwortungsübernahme in Überforderungssituationen. Denn ganz egal, ob es sich um zu bewältigende Aufgaben im sozialen oder kulturellen Bereich handelt, sind diese mit Grenzen des für die kleinere Einheit Möglichen verbunden:

 

"Wenn hingegen diese kleinen Einheiten mit der konkreten Aufgabe überfordert sind, so erwächst auch aus dem Subsidiaritätsprinzip die Verpflichtung der übergeordneten Ebene, sich der Aufgabe anzunehmen, die Angelegenheit zu erledigen oder die kleine Einheit bei deren Erledigung zu unterstützen. Somit hat das Subsidiaritätsprinzip zwei Dimensionen: Erstens den Handlungsvorrang der leistungsfähigen kleinen Einheit und zweitens die Unterstützungspflicht der größeren Einheit bei deren Überforderung."

 

Zusätzlich interessant wird die Diskussion über subsidiäres Handeln dann, wenn man das Prinzip nicht nur sehr allgemein auffasst, nicht ausschließlich auf staatliches Handeln bezieht sondern auf jegliche Organisationseinheiten ausweitet und insbesondere Banken mit in die Überlegungen einbezieht.

 

Denn gerade die genossenschaftlich organisierten Banken „werben“ mit subsidiärem Handeln, ohne aber neuere (Finanzierungs)instrumente wie Crowdfunding oder Crowddonating einzusetzen und damit Kunden einen organisatorisch-technologischen Rahmen zu eröffnen, in dem diese vor Ort selbstbestimmt und eigenverantwortlich agieren können, ohne die Menschen vor Ort in dieser Aufgabe zu unterstützen.

 

Zur Erinnerung:

 

„Somit hat das Subsidiaritätsprinzip zwei Dimensionen: Erstens den Handlungsvorrang der leistungsfähigen kleinen Einheit und zweitens die Unterstützungspflicht der größeren Einheit bei deren Überforderung.“

 

Sollte sich also irgendwann herausstellen, dass Aufgaben wie die Finanzierung von kulturellen Projekten durch Viele oder die Spendenfinanzierung von (regionalen), sozialen Projekten von der kleinstmöglichen Organisationseinheit übernommen werden können, was schon heute organisatorisch-technologisch möglich ist, dann sollten diejenigen Banken, die nach außen mit subsidiärem Handeln werben, dies im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützen.

 

„Außerdem sind wir subsidiär. Bei uns erledigt jede der über 1100 Genossenschaftsbanken selbständig, was sie selbständig erledigen kann.“

 

Handelt die Bank tatsächlich subsidiär?

 

Die vergangenen Jahrzehnte haben zu einer heute noch weiter fortschreitenden Zentralisierung der Bank-IT geführt. Die Gründe hierfür sind zahlreich. Von einem selbständigen und selbstbestimmten Einsatz vorhandener Technologie bzw. deren Modifizierung oder gar Weiterentwicklung kann bei den einzelnen Banken eigentlich nicht die Rede sein. Vielmehr dominiert die flächendeckende technologische Vereinheitlichung und Standardisierung.

 

Des weiteren stellt sich die Frage, inwieweit sich das subsidiäre Handeln tatsächlich bis hin zum Kunden vollzieht.

 

Gerade am Beispiel von regionalen Spendenprozessen lässt sich dies darstellen:

 

Das gemeinsame Sammeln von Mitteln und Finanzieren von gemeinnützigen, regionalen Organisationen und Projekten kann heute, zumindest ansatzweise, von den Menschen vor Ort vorgenommen werden, vorausgesetzt, ihnen wird der hierfür notwendige organisatorisch-technologische Rahmen zur Verfügung gestellt.

 

Demgegenüber steht die Institution Bank, als „höhere“ Organisationseinheit, die bis dato nahezu ausschließlich selbst diese Aufgabe übernimmt. Die Beispiele hierfür sind zahlreich und bestens bekannt:

 

Ehrenamtsarbeit mit Kinder - Volksbank spendet 300 €

 

Volksbank Lahr: Engagement für St.Leopold in Mahlberg

 

Volksbank unterstützt Gewerbevereine

 

usw.

 

Diese nur wenigen Beispiele sollen Genossenschaftsbanken deren gewichtigen Anteil am regionalen Gemeinwohl in keinster Weise absprechen, im Gegenteil. Sie sollen aber darauf hindeuten, dass es von Zeit zu Zeit nur förderlich sein kann, die eigenen Vorstellungen von subsidiärem Handeln zu hinterfragen und, falls dies als sinnvoll und notwendig erkannt wird, eine Ausweitung der Begriffsdefinition vorzunehmen. Vielleicht sogar, wenn möglich, bis hin zur kleinsten „hierarchischen Ebene“ vor Ort.

 

Den einzelnen Menschen vor Ort.

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