Hier steht die Volksbank Kirchhellen oder auch die VR-Coburg nur für zwei unter einer Vielzahl von Regionalbanken, die im weiteren Sinne soziale Arbeit „top down“ betreiben und sich dabei von ganz eigenen, systemimmanenten Prinzipien leiten lassen, die sich auch mit den Leitlinien sozialer Arbeit vergleichen lassen sollten.
So wurde unlängst, im Rahmen von mehreren Veranstaltungen bei denen seitens der VR-Coburg finanzielle Mittel zur Förderung von sozialen und kulturellen Einrichtungen top down verteilt wurden, folgendes, soziales (Regionalbank)Prinzip deutlich:
"Wir glauben daran, dass auch eine Bank eine Heimat hat und ihre Heimat nach Kräften fördern sollte. Wir glauben auch daran, dass Menschen sich selbst helfen, wenn wir ihnen die Mittel dafür geben."
Hier klingt sie also an, die aus der Sozialen Arbeit sattsam bekannte „Hilfe zur Selbsthilfe“, mittels derer Menschen (in Notlagen) in die Lage versetzt werden sollen, sich eben selbst zu helfen bzw. sich selbst Hilfe zu organisieren.
Was sich hier u.a. die VR-Coburg zum Prinzip erhoben hat, klingt im Sozialgesetzbuch, erstes Buch, §1, mit folgenden Worten an:
„Das Recht des Sozialgesetzbuchs soll zur Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit Sozialleistungen einschließlich sozialer und erzieherischer Hilfen gestalten. Es soll dazu beitragen, ein menschenwürdiges Dasein zu sichern, gleiche Voraussetzungen für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, insbesondere auch für junge Menschen, zu schaffen, die Familie zu schützen und zu fördern, den Erwerb des Lebensunterhalts durch eine frei gewählte Tätigkeit zu ermöglichen und besondere Belastungen des Lebens, auch durch Hilfe zur Selbsthilfe, abzuwenden oder auszugleichen.“
Wer nun seine Bank damit ganz grob als regionaler „Fixpunkt“ im weiten Feld sozialer Arbeit verortet hat wird sich nun auch den Fragen stellen müssen, die sich aus dem Prinzip der Subsidiarität (Nachrangigkeit staatlicher Stellen) ergeben.
Grundsätzlich geht es dabei um die Frage: Wer soll helfen?
Legt man dieses Prinzip nur weit genug aus und verständigt sich u.a. darauf, dass der einzelne Mensch die kleinste Einheit oder meinetwegen auch die kleinste staatliche Stelle eines Staatskörpers darstellt, so verweist das Prinzip der Subsidiarität auf die verschiedensten und zahlreichen lokalen und regionalen Gemeinwesen, die der Hilfe der Bank „vorgeschaltet“ wären und damit ggü. der Sammel- und Verteilungsinstitution Bank auch einen Vorrangstatus einnehmen sollten:
„ […] so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen.“
Ich frage mich:
Warum soll die Bank selbst spenden, wenn sie doch auf einfache Art und Weise zahlreichen, „untergeordneten“ Gemeinwesen (Bankkunden, Gruppen von Bankkunden, die eine bestimmte, regionale Organisation finanziell fördern möchten) lediglich technische Infrastruktur bereit stellen kann, damit sie diese für das Generieren der verschiedensten, regionalen Spendentransfers aktiv und produktiv und vor allem kontinuierlich und auf Dauer angelegt nutzen können?
Und es gilt zu klären:
Wer hat eigentlich Vorteile davon, wenn in Zukunft nicht mehr die Banken selbst, sondern die Bankkunden (unter Nutzung der IT ihrer Bank) für regionale, soziale Organisationen spenden?
Eine heikle Frage, die neben vielen Aspekten auch die Themen „Abhängigkeit“ und „Nachhaltigkeit“ näher unter die Lupe nehmen sollte. Denn es bleibt offen, wie kontinuierlich oder auch systematisch die Spendengelder von Banken jedes Jahr aufs Neue an diejenigen Stellen fließen, die sich noch im Vorjahr, frei nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“, evtl. „neuen Raum“ geschaffen haben und nun auch im Folgejahr auf weitere, finanzielle Förderung angewiesen sind, um den neu gesetzten Standard wenigstens zu halten oder weiter auszubauen.
Kurzum:
Wie kontinuierlich und regelmäßig fließen Spendengelder von Banken in ihre Region und welcher Systematik folgt das Spenden bzw. kann überhaupt die Rede von Systematik sein?
Diese Frage scheint umso brisanter, als dass schon im Jahr 2006 die Auseinandersetzung mit dem Thema „Banken und Spenden“ das Handelsblatt zur Aussage geführt hat, dass Banken zwar „viel“ aber „unsystematisch“ spenden (Die dem Artikel zu Grunde liegende Studie findet sich hier als PDF).
Aber eben diese Systematik, die sich idealerweise als integrativer Bestandteil bis hinein in die Rechenzentralen von Banken erstreckt, hat sich bis heute, trotz weitreichender technischer und auch (bank)konzeptioneller Entwicklungen, nicht oder lediglich marginal herausgebildet.
Und spätestens an dieser Stelle trennen sich dann die zu Beginn so aussichtsreich in greifbare Nähe gerückten gemeinsamen Wege von „Banking“ und „Sozialer Arbeit“, da Letztere eben nicht nach dem allseits bekannten „Gießkannenprinzip“ arbeiten kann, um wirksam zu sein.
Eine Bank, die sich als Vorreiter einer Spendensystematik nähern möchte, sollte sich daher meiner Meinung nach u.a. mit folgenden Fragen auseinandersetzen:
Können regionale, soziale Organisationen auch im Folgejahr mit Spendengeldern der Banken rechnen oder handelt es sich eher um einmalige und oft auch wenig oder nicht systematisierte „Anschubförderungen“ ohne Perspektive auf länger- und langfristiges finanzielles Engagement der Bank?
Und wäre es nicht an der Zeit, das Sammeln und Verteilen von Spenden vertrauensvoll in die Hand der Bankkunden zu legen und dann als „übergeordnete“ Stelle Bank erst oder nur in den Fällen ergänzend zu agieren, in denen tatsächlich „Not am Mann“ ist und damit das Subsidiaritätsprinzip stärker als bisher zum Leitbild zu erklären? Diese Variante käme z.B. dann zum Tragen, wenn regionale Banken bzw. deren Rechenzentren ihre IT für ein regionales, Mikrospenden-(Sub)System öffnen.
Denn wer glaubwürdig nach den Prinzipien sozialer Arbeit agieren möchte sollte auch im Vorfeld darüber nachdenken, an welcher Stelle oder aus welcher Position heraus er diese praktizieren möchte.
Sonst bleibt das einzig Systematische eben auch weiterhin das Unsystematische.