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Sonntag, den 09. Oktober 2011 um 10:22 Uhr

Wer oder was ist oder war Weizenbaum?

Geschrieben von  connormarc

Wenn es überhaupt einen Menschen gibt, der sich schon früh und dann auch noch aus der Innenperspektive u.a. mit Subsystemen in Rechenzentralen und vor allem auch deren Programmierer auseinandergesetzt hat, dann ist das wohl Joseph Weizenbaum. Kaum ein anderer Mensch könnte heute, würde man ihm zu Themen wie „Technikpartizipation von Bankkunden“, „Zentral gesteuerte, regionale, elektronische (Mikro)Spendensammel-Subsysteme“ oder ganz allgemein zu Entwicklungsmöglichkeiten, Sinn und Unsinn eines sog. „Ethical Banking“ die ein oder andere Frage stellen, erhellendere Gedanken beisteuern als er.

Joseph Weizenbaum ist tot. An Aktualität oder auch „Brisanz“ haben seine Innenansichten nicht verloren – eher im Gegenteil. Auch heute stellt sich die Frage, inwieweit in bestehende (zentral)systemtechnische Strukturen eingegriffen werden kann, ohne mehr Schaden anzurichten als etwas „gut“ oder gar „besser“ zu machen. Achtung, Ethik!

 

Was soll denn z.B. getan werden, wenn über die Zeit ein so hoher Grad an Komplexität erreicht wurde, wo jedes noch so kleine und gut gemeinte „Subsystem“ die Stabilität des Großen Ganzen beeinflussen oder auch gefährden kann? Was tun in Zeiten, in denen das Betreten von Neuland in bestehenden IT-Systemen z.B. von Banken ein risikobehaftetes Wagnis darstellt?

 

"Programmiersysteme können selbstverständlich ohne Plan und ohne jedes Wissen oder wenigstens Verständnis der dabei beteiligten weitverzweigten Probleme erstellt werden, genauso, wie man auf diese Weise Häuser, Städte, Staudämme und nationale Volkswirtschaften zurechthacken kann. Wenn ein derart zustande gekommenes System jedoch zu wachsen beginnt, wird es auch zunehmend instabil. Wenn eine seine Subfunktionen unvorhergesehenerweise ausfällt, kann der sichtbare Schaden vielleicht behoben werden. Aber da es keine allgemeine Theorie des Gesamtsystems gibt, kann das System selbst nur ein mehr oder weniger chaotisches Aggregat von Subsystemen sein, deren gegenseitiger Einfluß auf das Verhalten nur Stück für Stück und experimentell herausgefunden werden kann."

 

1977 hat Weizenbaum dieses unseres technische „Dilemma“ skizziert und im Laufe der Jahre immer wieder aufs Neue (kritisch) dargestellt. Sein Verdienst, wenn man so möchte, geht dahin, bis zu seinem Tode stets auch für Computer-Laien verständlich und nachvollziehbar argumentiert zu haben:

 

"Die inzwischen riesigen, polypenhaft verzweigten Informationssysteme der (…) Banken oder Versicherungen vergleicht Weizenbaum mit den "favelas" von Rio de Janeiro, jenen chaotisch wuchernden, immer wieder neu zusammengeflickten Hüttensiedlungen, in denen sich nicht einmal die Eingeborenen richtig auskennen. Es sei schlechthin unmöglich, meint Weizenbaum, die ähnlich komplexen, gleichfalls ständig durch Flickwerk veränderten Computersysteme quasi abzureißen und übersichtlich wieder aufzubauen: Sie können nur stillgelegt werden - oder sie müssen mit ihren unausrottbaren Mängeln weiterexistieren, bis sie eines Tages zusammenbrechen."

 

Nun könnte man einwenden, dass diese Ansichten nichts weiter als überholt sind, überholt von neuen Technologien, reduzierten, übersichtlichen und auch logisch geordneten Systemstrukturen. Schließlich sind seit den zentralen Aussagen Weizenbaums weitere Jahre ins Land gezogen. Wir schreiben derzeit 2011 und nichts ist so alt wie die Twitter-Meldung von vor ein paar Minuten, möchte man meinen.

 

Ich denke, dem ist nicht so. Nicht nur aus dem Grunde, da Joseph Weizenbaum bereits an den Vorläufern des Internets mitgearbeitet hat oder in den 50er/60er-Jahren an der Entwicklung des ersten Computer-Banksystems für die Bank of America beteiligt war. Nein, heute wie vor 40 Jahren stellt jedes weitere Subsystem, auch wenn es einen ganz banalen und einfach nachvollziehbaren, ja sogar gemeinnützigen Zweck erfüllen soll wie z.B. automatisiert Spenden sammeln, die Verantwortlichen vor die Fragen nach gesamtsystemischer Stabilität, den Aufwand/Kosten für das Erschließen von Neuland bzw. die damit verbundenen Risiken:

 

"Mit unseren derzeitigen technischen Systemen lässt sich Ihre Idee nicht umsetzen. Es müssten daher zunächst aufwändige Subsysteme hergestellt werden, die neben der reinen Buchungsfunktion auch unseren strengen Sicherheitsanforderungen entsprechen müssen. Die damit verbundenen Kosten stünden dann aber in keinem sinnvollen Verhältnis zu dem erwarteten Spendenaufkommen."

 

So formulierte eine regionale Bank letztes Jahr die Absage auf die Frage nach einem elektronischen Sammelsystem für regionale (Mikro)Spenden. Das mag nun einerseits wenig überraschen, hebt aber andererseits für mich die ungebrochene Aktualität vieler Innenansichten von Joseph Weizenbaum hervor (Seine Anweisung, nach „Ameise“ zu googeln gehört meiner Meinung nach nicht dazu).

 

Weizenbaum ist nicht die Bank und nicht das System aber seine Logik spiegelt sich dort wieder. Demzufolge nehme ich auch seine kritische Sichtweise gestern wie heute ernst. Danke, „Joe“!

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